KI setzt zum Sprung an: Warum Anleger wachsam bleiben müssen
Während Software jahrelang der Motor des digitalen Fortschritts war, übernimmt nun künstliche Intelligenz (KI) entschlossen diese Rolle. Das verursacht Turbulenzen an den Finanzmärkten: Was bedeutet die KI-Revolution für traditionelle Softwareunternehmen? Wie verändert das die Natur der intellektuellen Arbeit? Und vor allem: Was bedeutet das alles für Sie als Anleger?
Joris Franck, Technikexperte und Portfoliomanager bei KBC Asset Management, erklärt, was vor sich geht und was das für Sie als Anleger bedeutet.
Mit jeder neuen Technik gibt es Gewinner und Verlierer, nur ist bei KI noch nicht klar, wer die Verlierer sein werden. Diese Ungewissheit und die Geschwindigkeit, mit der sich KI entwickelt, beunruhigen die Anleger. Für langfristig orientierte Anleger ergeben sich daraus aber auch interessante Einstiegsmöglichkeiten.
Joris Franck, Technikexperte und Portfoliomanager bei KBC Asset Management
Warum Software-Aktien unter Druck stehen
Klassische Software-Aktien haben in den letzten Monaten kräftig Federn gelassen. Nicht unbedingt, weil diese Unternehmen heute schlecht abschneiden, sondern weil niemand genau weiß, wie KI die Wettbewerbslandschaft innerhalb der Branche verändern wird.
Es liegt Nebel über der Softwarebranche. Niemand weiß, wie das Geschäftsmodell der Softwarebranche morgen aussehen wird. Der rasante Fortschritt der KI in den letzten Monaten schürt eine Atmosphäre der Panik.
Joris Franck, Technikexperte und Portfoliomanager bei KBC Asset Management
Was ist los?
- Artificial General Intelligence (AGI), Systeme, die menschliche Intelligenz erreichen oder übertreffen, könnten in Zukunft existierende Softwareprodukte zu sehr geringen Kosten replizieren oder verbessern. Diese Aussichten setzen den „Wert“ von Software unter Druck.
- Neue Start-ups mit KI-Kompetenz fordern etablierte Softwareunternehmen heraus. Vom ersten Tag an entwickeln sie Lösungen, die vollständig auf KI basieren und menschliche Eingriffe praktisch überflüssig machen. Diese Lösungen sind daher billiger. Sie richten sich vor allem an junge, technikorientierte Unternehmen, die daher möglicherweise niemals Kunden traditioneller Softwarehäuser werden. Das Wachstum verlagert sich also langsam von den etablierten Akteuren auf neue Ökosysteme.
- KI hat das Potenzial, die Produktivität von Verwaltungsberufen zu steigern, was dazu führen könnte, dass Unternehmen in Zukunft weniger Personal benötigen. Viele Softwareunternehmen arbeiten mit Benutzerlizenzen. Weniger Angestelltenjobs bedeuten automatisch weniger Softwarelizenzen und damit weniger Umsatz für bestehende Softwareunternehmen.
- Wenn traditionelle Softwareunternehmen KI-Lösungen anbieten, liegt es nahe, dass sie den Kunden für jede KI-Berechnung, Suchanfrage, Bildgenerierung oder Aktion eines KI-Agenten bezahlen lassen. Eine Benutzerlizenz deckt die anfallenden Kosten nicht mehr. Der Kunde zahlt also nach Verbrauch. Dies hat einen großen Nachteil: Die Einnahmen von Softwareunternehmen lassen sich weniger gut vorhersagen. Ein herber Schlag für eine Branche, die für ihre beständigen wiederkehrenden Einnahmen bekannt war.
- Traditionelle Softwareunternehmen profitieren von sehr hohen Bruttomargen, die oft weit über 80% liegen. Ist die Software erst einmal fertiggestellt, verursacht die Verwaltung zusätzlicher Benutzer/Kunden nur minimale zusätzliche Kosten. KI hingegen erfordert Rechenleistung, und Rechenleistung kostet Geld. Auch die Entwickler von KI-Modellen (Anthropic, OpenAI usw.) verlangen eine Gebühr für die Nutzung ihrer Modelle. Dadurch geraten die hohen Margen der Softwareunternehmen unter Druck.
KI breitet sich von der Software auf die gesamte Wissenswirtschaft aus
Neue Entwicklungen Anfang 2026 haben den Markt aufgerüttelt. KI entwickelt sich schneller als erwartet und beginnt nun, umfassende kognitive Aufgaben zu übernehmen.
Was hat sich geändert?
- Laut Sequoia Capital, einem der einflussreichsten Risikokapitalunternehmen im Silicon Valley, befinden wir uns seit Anfang 2026 im Zeitalter der funktionalen AGI: KI, die selbstständig Dinge „herausfinden“ und komplexe Aufgaben bei minimaler menschlicher Anleitung ausführen kann. Nicht als menschenähnliches Bewusstsein, sondern als digitale Denkfähigkeit. „Funktionale KI“, die den Kontext beibehalten kann und in der Lage ist, über einen langen Zeitraum zu planen, sich selbst zu korrigieren und auf ein höheres Ziel hinzuarbeiten.
- Ganz gleich, ob AGI oder nicht, die Entwicklung der KI schreitet eindeutig schneller voran. Neue Modellgenerationen kommen immer schneller und mit deutlich größeren Kapazitätssprüngen auf den Markt. Die Veröffentlichungen von GPT-5.3 Codex und Claude Opus 4.6 stellen bislang die wichtigsten Fortschritte in der praktischen Automatisierung der Softwareentwicklung dar, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
- Die meisten Menschen unterschätzen, was moderne – kostenpflichtige – KI-Modelle bereits leisten können, auch weil kostenlose Versionen in Bezug auf ihre Fähigkeiten hinterherhinken. Fachleute berichten von schnellen, progressiven Fähigkeiten. Halluzinationen sind immer noch möglich, aber viel seltener als früher.
KI automatisiert bereits heute einen Großteil der Arbeit von Softwareentwicklern, aber das ist erst der Anfang. KI hat das Potenzial, fast alle Angestelltenjobs mehr oder weniger stark zu automatisieren. KI wird sich zu einem vollwertigen digitalen Kollegen in Berufsfeldern wie Rechtswesen, Unternehmensberatung, Analyse, Marketing oder Buchhaltung entwickeln.
Joris Franck, Technikexperte und Portfoliomanager bei KBC Asset Management
- Auftritt Claude Cowork: Claude Cowork ist Anthropics agentenbasierter Desktop-Worker. Es kann Dateien lesen, Aufgaben ausführen und Arbeitsabläufe direkt von Ihrem eigenen Computer aus automatisieren. CoWork wurde speziell entwickelt, um eine Vielzahl von Büroaktivitäten zu automatisieren.
- Die Folge: Branchen, die stark auf kognitive Arbeit angewiesen sind, spüren den heißen Atem der KI im Nacken. Denken Sie an Unternehmensberatung, juristische Dienstleistungen, IT-Dienstleistungen, professionelle Informationsanbieter, Finanzdienstleistungen, Marketing usw.Der Markt reagierte darauf mit erheblicher Volatilität. Nicht weil diese Unternehmen plötzlich unrentabel werden, sondern weil ihre Rolle und ihr Geschäftsmodell in Zukunft neu definiert werden müssen.
Was bedeutet das für Sie als Anleger?
Die Finanzmärkte reagierten heftig: Nicht nur Softwareunternehmen verzeichneten starke Kursverluste, sondern auch zahlreiche andere Unternehmen in Branchen wie IT-Dienstleistungen und professionelle Dienstleistungen/Informationsanbieter. Dieser Wandel ist nicht nur mit vielen Fragen und Unsicherheiten verbunden. Es bieten sich auch Chancen für alle, die bereit sind, langfristig zu denken.
Chancen und Risikoaspekte für Anleger:
Die KI-Infrastruktur bleibt derzeit noch der größte Gewinner im KI-Bereich. Quartal für Quartal fließt offenbar mehr Geld in Investitionen für die KI-Infrastruktur. Die KI-Infrastruktur umfasst mehrere Ebenen, und auf jeder Ebene gibt es Unternehmen, die vom Wachstum profitieren. Die erste Ebene bilden die eigentlichen Rechenzentren sowie deren Energie-/Stromversorgung. Die zweite Ebene ist die Hardware, also die KI-Chips, Speicherchips, Netzwerkchips, die Server selbst, die Kühlung usw. Die dritte Ebene sind die Cloud-Dienste der Hyperscaler (Google, Microsoft, Amazon usw.). Auf der vierten Ebene haben wir die KI-Modelle (Anthropic, OpenAI usw.). Die fünfte Ebene sind die Daten, die Sie für Ihre KI-Anwendungen benötigen. Viele Softwareunternehmen befinden sich in dieser Ebene. Und schließlich geht es in der sechsten Ebene um die KI-Anwendungen selbst, wie beispielsweise branchenspezifische Lösungen oder (KI-)Agentensysteme. Jede Ebene hat ihre eigenen Gewinner, ihre eigenen Risiken und ein anderes Konsolidierungstempo.
Auch wenn KI-Lösungen und die KI-Infrastruktur langfristig interessante Chancen bieten können, besteht weiterhin das reale Risiko einer möglichen KI-Blase. Es ist unklar, wie nachhaltig die derzeitigen Bewertungen sind und ob und wann eine Korrektur erfolgen könnte. Anleger sollten sich bewusst sein, dass Unternehmen mit KI-Bezug starken Wertschwankungen unterliegen können.
Bei Softwareunternehmen wird derzeit diskutiert, ob Software in Zukunft „intelligent” genug sein wird, zusammen mit KI aktiv mitzudenken und Aufgaben auszuführen, oder ob sie nur noch eine unterstützende Rolle spielen wird. Mit anderen Worten: Inwieweit können Softwareunternehmen auch in der sechsten Ebene tätig sein? Im positiven Szenario wird die Software zu einer Art digitalem Kollegen, der mit Hilfe von KI Entscheidungen trifft, plant und handelt. Im negativen Szenario steckt die gesamte Intelligenz in der KI-Ebene (und somit nicht bei den klassischen Softwareunternehmen), und Software bleibt vor allem ein passives Archiv- und Verwaltungssystem ohne echten Nutzwert. In diesem Fall wäre die Software auf der fünften Ebene gefangen, was für sie nachteilig wäre, da der größte Teil der Wertschöpfung in Zukunft in der obersten sechsten Ebene generiert werden wird. Man muss genau beobachten, wer sich anpassen kann und wer nicht.
Die Unsicherheit in Bezug auf Software wird nicht schon morgen verschwunden sein, sondern nur allmählich abnehmen. Es ist noch zu früh, um Gewinner und Verlierer auszumachen. In den kommenden Monaten werden sich jedoch zweifellos Chancen für diejenigen ergeben, die aufmerksam bleiben.
Joris Franck, Technikexperte und Portfoliomanager bei KBC Asset Management
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Dieser Artikel ist rein informatorisch und darf nicht als Anlageberatung betrachtet werden.