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Wenn Betrug menschlich wird, braucht es eine intelligentere Verteidigung

Die Betrügereien der neuesten Art sehen wirken nicht mehr verdächtig. Sie klingen vertraut, sind fehlerfrei geschrieben und wirken menschlich. Und genau das macht sie umso gefährlicher. Künstliche Intelligenz (KI) verursacht das Problem, bietet aber auch Wege zur Lösung. Unternehmen, die KI einsetzen, um menschliches Verhalten, Identität und Kontext im Blick zu behalten, sind ein wesentliches Bindeglied in der digitalen Wirtschaft. 

Betrug ist hyperrealistisch und emotional überzeugend geworden. Das ist ein Wendepunkt, nicht nur für die Art und Weise, wie wir uns digital schützen, sondern auch für den Umgang von Unternehmen, Behörden und Investoren mit Cybersicherheit.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management

Wir sprechen mit Steven Vermander, Experte für Megatrends und Portfoliomanager bei KBC Asset Management.

Kern des Problems

  • Künstliche Intelligenz verändert die Natur von Cyberbetrug grundlegend: Angriffe werden glaubwürdiger, während die gleiche Technologie auch eine ausgeklügelte Verteidigung ermöglicht, und das in groß angelegter Form und mit nachhaltiger Effizienz.
  • Cybersicherheit hat sich zu einem strategischen Schwerpunkt auf Führungsebenen entwickelt, auch unter dem Einfluss von Rechtsvorschriften, die die digitale Resilienz gesetzlich fest verankern.
  • Für langfristig orientierte Anleger stellt Cybersicherheit ein strukturelles Thema dar, sofern Selektivität, Qualität und ein solides Risikomanagement ausreichend berücksichtigt werden. 

Warum es jetzt ernst wird

Eine neue Art von Betrug sorgt immer wieder für Schlagzeilen in den belgischen Medien. Es geht nicht mehr um klassische Phishing-E-Mails mit sprachlichen Ungereimtheiten, sondern um Betrugsversuche, die kaum noch von der Realität zu unterscheiden sind.

Es sind keineswegs nur Gutgläubige, die darauf hereinfallen. Die neuesten Methoden sind so konzipiert, dass sie das rationale Denken umgehen: Zeitdruck, Autorität, vermeintlich persönliche Details. Wir alle sind anfällig, wenn es uns im falschen Moment trifft.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management

So warnten die föderalen Behörden Anfang dieses Jahres vor Betrügern, die mithilfe künstlicher Intelligenz die Stimme und sogar das Bild von König Philippe imitierten, um ihre Opfer auf äußerst subtile Weise davon zu überzeugen, Geld zu überweisen. In anderen Fällen wurden bekannte Persönlichkeiten und Nachrichtensprecher in realistisch wirkenden Videos missbraucht, um gefälschte Investmentplattformen glaubwürdig erscheinen zu lassen. Da geht es zum Beispiel um Anlagetipps auf WhatsApp. Dort werden sozialer Druck, Gruppenzwang und die Angst, etwas zu verpassen (Fear Of Missing Out), ausgenutzt, um Opfer dazu zu bringen, hohe Summen zu überweisen. Auch öffentliche Einrichtungen und Banken werden dabei zunehmend als Köder eingesetzt. Man denke an vermeintliche Anrufe Ihrer Bank, in denen Sie aufgefordert werden, eine verdächtige Transaktion zu sperren (Anm. d. Red.: Nutzen Sie in solchen Fällen immer den „Kontaktcheck“ in KBC Mobile). Oder an die gefälschten E-Mails von mypension.be, nachdem angekündigt worden war, dass die offiziellen Informationen zu Ihrer Rente für eine Weile von der Website entfernt werden sollten. Cyberkriminelle nutzen aktuelle Ereignisse eifrig aus, um Ihnen eine Falle zu stellen.

Auch Unternehmen bleiben davon nicht verschont: Mitarbeiter erhalten dringende Anrufe vom vermeintlichen CEO oder CFO, dessen Stimme perfekt authentisch klingt, sich im Nachhinein jedoch als KI-generiert herausstellt. Ein Krankenhaus musste aufgrund eines Cyberangriffs seine Server abschalten. Operationen wurden abgesagt und die Dienstleistungen reduziert. Dieser Vorfall verdeutlicht, wie Schwachstellen in der Versorgungskette (externe Software) als Einfallstor dienen können.

Hinzu kommt, dass sich die Internetkriminalität professionalisiert. Datendiebstahl und Social Engineering (wie Phishing, Vishing, Deepfake-Audio/Video) entwickeln sich zu einem Marktplatz mit Daten- und Zugangsvermittlern sowie Crime-as-a-Service. KI hebt die Überzeugungskraft von Betrugsmaschen auf ein neues Niveau. 

Der Betrug setzt nicht mehr auf die Unwissenheit der Menschen, sondern auf ihr Vertrauen: bekannte Stimmen, bekannte Gesichter, vertraute Autorität. Genau das macht diese Angriffe so gefährlich. Die Vorfälle sind viel überzeugender und richten daher mehr Schaden an. 

Warum KI auch Teil der Lösung ist

Dieser Realität steht ein wichtiges Gegengewicht gegenüber: KI kann nicht nur missbraucht werden, sie kann auch schützen. 

In einer Welt, in der KI-gesteuerte Angriffe an der Tagesordnung sind, ist der Einsatz von KI auf der Verteidigungsseite kein Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management

Ein Security Operations Center (SOC) ist die (physische oder virtuelle) Leitstelle für die Cybersicherheit eines Unternehmens. Es ist der Ort, an dem Cyber-Bedrohungen rund um die Uhr überwacht, analysiert und bekämpft werden.

Ein SOC ist verantwortlich für:

  • Überwachung: kontinuierliche Überwachung von IT-Systemen, Netzwerken, Cloud-Umgebungen und Endgeräten  
  • Erkennung: Identifizierung verdächtiger Aktivitäten und Cyberangriffe
  • Analyse: Bewertung, ob und wie schwerwiegend ein Vorfall ist
  • Reaktion: schnelle Maßnahmen zur Schadensbegrenzung (isolieren, sperren, reparieren)
  • Berichterstattung und Verbesserung: aus Vorfällen lernen und die Sicherheit erhöhen

SOCs entwickeln sich heute von personalgesteuerten Notrufzentralen zu KI-gesteuerten, teilweise autonomen Verteidigungsplattformen.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Geschwindigkeit und Umfang: Die KI kann Millionen von Signalen auf einmal analysieren, was für Menschen unmöglich ist. Dadurch können verdächtige Muster schneller erkannt werden, oft bevor tatsächlich ein Schaden entsteht.
  • Verhaltenserkennung: Anstatt festen Regeln zu folgen, lernt die KI, was ein „normales“ Verhalten innerhalb einer Organisation oder bei einem Nutzer ist. Anomalien, auch wenn sie noch so subtil sind, werden eher bemerkt.
  • Weniger menschliche Fehler: KI filtert Rauschen heraus und hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dadurch sinkt die Gefahr, dass wichtige Signale in der Informationsflut untergehen.
  • KI kann selbst eingreifen: In modernen SOCs kann KI unter strengen Bedingungen selbstständig Maßnahmen ergreifen, wie beispielsweise ein Gerät vom Netzwerk zu trennen, einen Account vorübergehend zu sperren oder eine bösartige Verbindung zu unterbrechen. Das sind entscheidende Faktoren bei Ransomware oder Datendiebstahl, wo jede Minute zählt.
  • Kontinuierliche Verbesserung: Nach jedem Vorfall lernt die KI, was richtig war. Sie passt ihre Modelle an, sodass die Zahl der Fehlalarme in Zukunft sinkt. Cybersicherheit entwickelt sich zu einem selbstlernenden System, bei dem das SOC umso intelligenter wird, je mehr Angriffe es erlebt.

Mit anderen Worten: KI macht die Cybersicherheit proaktiver, konsistenter und weniger abhängig von knappen personellen Fachkenntnissen. Dies ist genau das, was in einem Umfeld benötigt wird, in dem Angriffe immer schneller und glaubwürdiger werden. 

Auch in Belgien: Rechtlicher Rahmen für Cybersicherheit

Auffällig ist, dass Cyberrisiken immer häufiger zusammen mit anderen großen Themen in Erscheinung treten: Geopolitik, Energieversorgung, Lieferketten und sogar demokratische Prozesse, wobei digitale Sabotage eingesetzt wird, um gesellschaftliche Unruhen zu schüren oder Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.

Die europäische Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit 2 (NIS2) soll die digitale Widerstandsfähigkeit Europas gegen Cyberangriffe, IT-Ausfälle und digitale Störungen erhöhen.  Cybersicherheit ist somit zu einer ständigen und strukturellen Verantwortung auf Management- und Vorstandsebene geworden.

Für die meisten Unternehmen bedeutet dies:

  • ständige Überwachung der digitalen Risiken
  • Meldepflicht für Zwischenfälle
  • nachweisbare präventive Maßnahmen
  • Konzentration auf die gesamte digitale Kette, einschließlich der Lieferanten
Cybersicherheit entwickelt sich von einem operativen Kostenfaktor zu einem strategischen Governance-Thema. Wer nicht strukturell investiert, sieht sich nicht nur operativen Risiken, sondern auch rechtlichen und Reputationsrisiken ausgesetzt.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management


 

Cyber-Resilienz: Leben mit dem Unvermeidlichen

Eine 100-prozentige Cybersicherheit gibt es nicht. Die eigentliche Frage ist: Wie schnell und wie kontrolliert kann eine Organisation reagieren, wenn etwas schief läuft? Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der reinen Prävention hin zur Cyber-Resilienz:

  • deutliche Krisenverfahren
  • segmentierte IT-Umgebungen
  • kontinuierliche Backups
  • und vor allem: Sensibilisierung der Mitarbeiter

Belgische Studien zeigen, dass fast die Hälfte der flämischen Unternehmen schon einmal mit einem Cybervorfall konfrontiert war und dass menschliches Versagen immer noch eine entscheidende Rolle spielt.

 

Im Hinblick auf Geldanlagen: Chancen, aber auch Risiken

Für Anleger ergibt sich hier eine zweischneidige Situation.
 

Die Chancen:

  • Strukturelles Wachstum: Die Kombination aus KI-gestützten Gefahren und strengeren Vorschriften sorgt für eine anhaltende Nachfrage nach modernsten Cybersicherheitslösungen.
  • Hohe Markteintrittsbarrieren: Unternehmen, denen es gelingt, zuverlässige, skalierbare und KI-gestützte Sicherheitslösungen anzubieten, bauen starke Marktpositionen und wiederkehrende Umsätze auf.
  • Weitreichende Auswirkungen: Von Technologieunternehmen über Finanzinstitute bis hin zu Industrieunternehmen, Cybersicherheit hält in nahezu jeder Branche Einzug.

Die Risiken:

  • Technologische Beschleunigung: Nicht jeder Akteur kann mithalten. Wer nicht innovativ genug ist, läuft Gefahr, schnell irrelevant zu werden.
  • Komplexität: KI-Systeme bringen auch neue Risiken mit sich, etwa die Abhängigkeit von Daten, Modellen und Vorschriften.
  • Selektivität unerlässlich: Dies ist kein „One-size-fits-all“-Anlagethema. Qualität, Umfang und Governance sind ausschlaggebend.
Cybersicherheit ist kein Produkt, das man gebrauchsfertig kaufen kann. Es ist eine Disziplin, um größeren Schaden zu vermeiden, privat und in Ihrem Unternehmen.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management

Wovon können die Anleger konkret profitieren?

  • KI-gesteuerte Cybersicherheitsplattformen, also Unternehmen, die KI einsetzen, um ungewöhnliches Verhalten zu erkennen, Identität, Gerät und Kontext miteinander zu verknüpfen und Betrugsfälle zu erkennen, bevor Schaden entsteht. Die strukturelle Nachfrage kommt zum Beispiel von Banken, Unternehmen und Behörden.
  • SOC-Automatisierung und Extended Detection & Response (XDR), eine Sicherheitsplattform, die Bedrohungen über mehrere Sicherheitsebenen hinweg erkennt und darauf reagiert. Die menschlichen SOC-Teams können das erforderliche Tempo nicht mehr halten. KI wird benötigt, um Signale zu korrelieren und bei Bedarf zu reagieren. 
  • Identitäts- und Verhaltenssicherheit. Betrug konzentriert sich zunehmend darauf, wer jemand zu sein scheint, und nicht darauf, was jemand technisch tut. Dies führt zu einem Wachstum bei Lösungen in Bereichen wie Identitätssicherheit, Zero-Trust-Anwendungen oder kontinuierlicher Authentifizierung.
  • Managed Security Service Provider (MSSP), ein externer Partner, der Ihre Cybersicherheit (bzw. einen Teil davon) verwaltet und überwacht. Immer mehr Unternehmen lagern komplexe Sicherheitsaufgaben aus.

Cybersicherheit ist ein struktureller Wachstumstrend, aber kein einfacher. Viele Unternehmen des Sektors sind hoch bewertet und weisen eine hohe Volatilität auf. Für einen Anleger bedeutet dies: Fokus auf die sorgfältige Auswahl von Unternehmen, Streuung über verschiedene Segmente, Technologien und Regionen sowie vor allem eine langfristige Perspektive.

Wer Cybersicherheit als Teil einer umfassenderen Digitalisierung und wirtschaftlichen Robustheit betrachtet, versteht, warum dieses Thema einen Platz in einem diversifizierten Portfolio verdient.

Steven Vermander, Experte für Megatrends & Portfoliomanager KBC Asset Management


 

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Dieser Artikel ist rein informatorisch und darf nicht als Anlageberatung betrachtet werden.